Artikel von Martin Frischknecht vom 20. Oktober 2010, erschienen in „Spuren“:

MF/ Wer vor dreissig Jahren die Fühler ausstreckte nach Meditation, stiess auf einige wenige trockene Traktate, angesiedelt zwischen Yoga und Autogenem Training. Es gab eine Handvoll Bücher, einige Eingeweihte, die sich rar und wichtig machten, und einige Morgenlandfahrer, die mit leuchtenden Augen von Gurus und Ashrams erzählten. Später kam der Boom, und die Sache explodierte in sämtliche Richtungen. Nun schien jeder zu wissen, was Meditation ist, doch wer sich näher darauf einliess, landete bald einmal in den Fängen vereinnahmender Gemeinschaften.

Jetzt ist die Zeit reif für den nächsten Schritt: Meditation Schweiz startet im März 2010 den Betrieb mit dem Kurs «Mystik der Weltreligionen», geleitet von Georg Schmid. Und dabei wird es nicht bleiben. Denn erstens geht es um die Vermittlung von Wissen und praktischen Erfahrungen, und zweitens erfolgt die Vermittlung dieser Kenntnisse «neutral und interreligiös». Im Zeitraum von zwei Jahren werden die unterschiedlichsten kontemplativen Wege erkundet und deren Übungen praktiziert. Auch sehr Zeitgemässes wie Genpo Roshis Big Mind und Unkonventionelles wie Oshos Mystische Rose werden von der neuen Schule vermittelt.

Aber auch die psychologischen Aspekte des mystischen Weges werden nicht ausser Acht gelassen. Dazu stehen «Selbstwahrnehmung und Selbstliebe», «Umgang mit Projektionen» und «Dialog der inneren Stimmen» auf dem Programm. Kurzum: ein rundes, reifes Programm von hoher Güte, dem man sich gerne anvertrauen wird. Wer nach den zwei Jahren der Grundausbildung, weitere zwei Jahre folgen lässt, kann es an der Schule zum Titel eines Meditationslehrers bringen. In Retreats wird das zuvor Erfahrene individuell vertieft, auch «Die dunkle Nacht der Seele» soll dabei in den Bereich des Erfahrbaren rücken dürfen.

«Meditation entsteht aus der Sehnsucht zu erfahren, wer wir wirklich sind», schreiben die beiden Initiantinnen Margrit Meier und Erika Radermacher. «Das können wir nur, wenn wir zum neutralen Beobachter werden – zum Beobachter unserer eigenen Gedanken. Wenn es uns gelingt, die Barriere unseres Verstricktseins in Gedanken zu durchschreiten, so öffnet sich uns ein Raum von grosser Klarheit und Bewusstheit – jenseits des Verstandes. Er führt zu Frieden und zu innerer Gelassenheit, und eine ungeahnte Freude am Leben kann entstehen.»

Artikel von Sabine Schüpbach vom Februar 2010, erschienen in „Reformiert“:

Spiritualität/ Margrit Meier verbindet verschiedene religiöse Welten mit Leichtigkeit.
«Das tun viele Reformierte», sagt sie.

Margrit Meier ist eine Frau, die nicht leicht einzuordnen ist. Sie ist reformiertes Kirchenmitglied – und Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin – und bietet Kurse zu Meditation, schamanischen Praktiken und Feuerlaufen an. Neuerdings hat sie auch eine interreligiöse Meditationsausbildung ins Leben gerufen (vgl. Kasten rechts). Und doch sagt sie, das Christliche sei ihre Basis: «Das Christentum ist Teil von mir, und ich bin Teil von ihm.»

Bedacht. Margrit Meier, 64 Jahre alt, lebt in Köniz bei Bern: eine bedacht und differenziert argumentierende ältere Dame, die ein Einfamilienhaus mit zwei Freundinnen und vier Katzen teilt. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Vizedirektorin des Staatssekretariats für Bildung und Forschung. Ihre spirituellen Interessen habe sie immer klar getrennt von dieser Funktion in der Bundesverwaltung, betont sie. Erstens sei das so angebracht gewesen, und zweitens wolle sie niemanden von ihren eigenen Anschauungen überzeugen – auch heute nicht.

Bewegt. Bei einem Thema überkommt Margrit Meier allerdings schon ein wenig missionarischer Eifer: Sie ist überzeugt, dass «sehr viele» Reformierte ähnlich wie sie selbst eingestellt sind – und sich eine Kirche mit offener Spiritualität wünschen. Zu dieser Überzeugung kam sie, als die von ihr initiierte Veranstaltungsreihe «Neumond – Vollmond» vor zwei Jahren in Bern und letztes Jahr in Zürich zum Publikumsmagneten wurde. Vertreter von Kirche und Parapsychologie diskutierten über Themen wie Reinkarnation und Kontakt mit den Toten.
Margrit Meier selbst verbindet unterschiedliche spirituelle Welten mit Leichtigkeit. Beim Meditieren orientiert sie sich nicht nur am Zen, sondern auch an Rudolf Steiner, Osho und am christlichen Herzensgebet. Ihr riesiges Bücherregal vereint Bücher aus verschiedenen Religionen, Theologie, Philosophie und Esoterik. Was ist für sie das Verbindende zwischen diesen Ansätzen? «Die Zuversicht, dass wir Menschen mitten im irdischen Dasein mit Gott in Kontakt sein können», antwortet Margrit Meier.

Bescheiden. Eines gelte es zu vermeiden: den spirituellen Dünkel, der leider in esoterischen Kreisen weit verbreitet sei. Ihr ist wichtig, «immer wieder zum Nullpunkt zurückzukehren und mir bewusst zu machen, dass ich weder Gott noch Weisheit besitzen kann». Diese Erfahrung machte Margrit Meier am eigenen Leib, als sie vor vierzehn Jahren ernsthaft erkrankte. Ganz ehrlich erzählt sie: «Ich musste feststellen, dass ich mit meiner damaligen esoterischen Erhabenheit nicht weiterkam.» Vom Christentum sagt sie, es sei zu ihr zurückgekommen, ohne dass sie es gesucht habe. Ursprünglich reformiert aufgewachsen, wandte sie sich als Jugendliche von der Kirche ab. Bei der Beerdigung ihres Vaters spürte sie dann allerdings, «dass es für diesen Moment kein stimmigeres Gebet gab als das Unservater».

Sabine Schüpbach

Montagsporträt von Michael Meier, erschienen am 26. Juni 2010 im „Tagesanzeiger“. Unter dem Titel „Glühende Kohlen als Gottesurteil“ ist das gleiche Porträt ebenfalls am 26. Juni 2010 im „Bund“ erschienen:

Margrit Meier war Vizedirektorin des Staatssekretariats für Bildung und Forschung. Heute leitet sie die Vereinigung für Parapsychologie und bietet eine vierjährige Meditationbsausbildung an.

Ein Porträt von Michael Meier

Jede neue Jahreszeit fängt Margrit Meier mit Feuerlaufen an. Und jedes Mal hat sie das Gefühl von riesiger Dankbarkeit, wenn sie nach dem Lauf über die heisse Kohle heil und unversehrt geblieben ist. Das hinduistische und indianische Ritual führt sie jeweils mit 20 bis 30 Leuten im Könizberg-Wald durch, unweit ihres Reihenhauses, das sie mit zwei Freundinnen und vier Katzen bewohnt. Feuerlaufen sei ein Bedürfnis gerade von Leuten, die glaubten, dass sie im Leben nicht weiter kämen und dass endlich etwas passieren müsse. «Haben sie ihre Angst einmal überwunden und sind sie unverletzt über die Kohle gegangen, ist das für viele wie ein Gottesurteil: Wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich auch eine Wende in meinem Leben».

In frühere Leben rückführen

Margrit Meier ist Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie. Die «Meditation mit Feuer» ist nur eine Sparte in ihrem Ritual-Repertoire. Sie liest Tarot-Karten, als Bilderbuch von archetypischen Figuren. Sie hat sich in frühere Leben rückführen lassen. Und war, nach dem Tod von Osho, mehrere Male in Poona. Er ist für sie eine Jahrhundert-Figur: «Er hat alle Programmierungen der Leute aufgeweicht, alle Ideologien zertrümmert».

Dennoch hat die 64-jährige mit dem kommerziellen Eso-Markt nichts am Hut. Als sie neulich mit Religionswissenschaftler Georg Schmid die Dialogreihe «Neumond / Vollmond» bestritt, kamen zur Schlussveranstaltung mit dem Hellseher Mike Shiva 440 Leute. «Er bedient die Bedürfnisse der Leute und macht mit der Sinnsuche ein Geschäft». Das sei nicht ihre Wellenlänge, sagt sie dezidiert.

Dafür ist die studierte Wirtschafts- und Staatsrechtlerin auch viel zu vernünftig. Vor der Pensionierung war Margrit Meier Vizedirektorin im Staatsekretariat für Bildung und Forschung. Sie hatte das Ressort Bildung unter sich und kümmerte sich neben der Eidgenössischen Maturität und die Bundesförderung der zehn kantonalen Universitäten. Im Staatsekretariat habe man wohl von ihren spirituellen Neigungen gewusst. Sie habe aber nicht damit missioniert und nie Mitarbeiter zum Feuerlaufen animiert. «Gerade in einer Vorgesetztenposition darf man das nicht, das wäre Indoktrination».

Eine Patchwork-Christin

Meier ist reformiert aufgewachsen. Nach der Konfirmation «war Schluss mit der Kirche». Ausgetreten ist sie dennoch nicht und entdeckte Jahre später Jesus Christus als eine Kraft. «Er ist die wichtigste Figur, die es gibt». Wer an Jesus Christus glaube, müsse Buddha oder Krishna keineswegs ausschliessen. «Mein Weltbild lässt vieles zu», sagt die Patchwork-Christin, die nicht beliebig sein will. Ihr Himmel sei offen. Offen für andere Heilslehren. «Religionen arbeiten mit Mythen. Nimmt man diese all zu ernst und wörtlich, wird es schwierig.» So hindert sie ihre Anhänglichkeit an die Kirche nicht an anderen spirituellen Wegen.

Für sie ist es kein Gegensatz, als Kirchenmitglied die Vereinigung für Parapsychologie zu präsidieren. Wie sie selber seien Dreiviertel der Mitglieder überzeugte Christen. Die Parapsychologie sei ein Instrument, paranormale Phänomene wissenschaftlich anzugehen. Die Kirche, sagt sie, habe sich mit dem materialistischen Weltbild arrangiert. Während die Naturwissenschaft behaupte, ein Leben nach dem Tod könne man nicht beweisen, sage die Kirche, man müsse daran glauben. Die Parapsychologie indessen versuche mit Untersuchungen etwa im Bereich der Unfalltoten Aussagen über die Reinkarnation zu machen. Den Glauben an die Reinkarnation dürfe man nicht verabsolutieren, sonst komme man nie aus dem Rad der Widergeburt heraus. Meier hofft auf die Hand des christlichen Gottes, die Gnade, die einem aus der Tragik der fortwährenden Wiedergeburt herauszieht.

Jenseits des Verstandes

Sie vertritt eine mittlere Position zwischen dem (reformatorischen) Christentum, demzufolge man nichts für seine Erlösung tun kann und dem Yogaweg, wo man auf dem Nagelbett liegend mit Selbstkasteiung und Askese seine Erlösung erwirkt.

Im Zentrum von Margrit Meiers spirituellem Leben steht die Meditation: Diese habe nichts zu tun mit Parapsychologie, auch nicht mit Esoterik und Kommerz. In der Meditation gehe es vielmehr um das Innenleben der Religionen, um das, «was uns präsent sein lässt im Moment und uns über den Verstand hinausführt». In der Meditation habe auch das Gebet Platz, die Mystik. Über Rudolf Steiner war sie vor 40 Jahren zur Einsicht gelangt, dass es jenseits des Verstandes eine Welt gibt, zu der man nur über die Meditation Zugang hat. Sie nennt diese Welt oberhalb des Verstandes, die sich eigentlich nicht über Worte und Bilder definieren lässt, «die vierte Dimension», «Leere» oder «Stille». «Sie ist wie eine wunderschöne Musik, ein Sonnenaufgang».

Absage an Gurus

Mit einer vierjährigen Meditationsausbildung erfüllt sich Meier jetzt einen Traum und gibt sich eine neue Lebensaufgabe. Vermittelt von verschiedenen Lehrern, macht diese interreligiöse Ausbildung mit den mystischen Strömungen der Weltreligionen vertraut, weist in Meditationspraktiken und psychologische Selbsterfahrung ein. 45 Leute absolvieren diesen zertifizierten Lehrgang. Was aber legitimiert die Wirtschaftswissenschaftlerin, ihren Schülern ein Zertifikat auszuhändigen? «Mein Lebensweg, meine Erfahrung. Ich meditiere seit 40 Jahren, setzte mich immer wieder Neuem aus und stelle mich in Frage». Das ist auch eine Absage an jedes Gurutum. Sie wolle eh nicht die Welt, sondern nur sich selber verändern.